Montag, 22. August 2011
(Sächsische Zeitung)

Mehr Sein als Schein

Von Peter Wolkenstein

Vergleich. Der Kia Picanto macht dem etablierten Ford Ka Konkurrenz. Der Preis stimmt. Doch was kann der Asia-Mini?

Bildergalerie

Auffällig: Der Ka-Testwagen (im Foto rechts) zieht mit grellem Dekor Blicke auf sich. Der Picanto will in neuem Design auch nicht mehr putzig sein. Fotos: Seufert

Wenn es um die Kleinsten und Preisgünstigsten in der Modellpalette geht, werfen manche Hersteller ihr sonst so sorgfältig gepflegtes Markendesign über Bord. Wegen des extrem hohen Kostendrucks teilen sich zwei (beispielsweise Nissan Pixo und Suzuki Alto) oder mehrere Marken (Citroën C1, Peugeot 107 und Toyota Aygo) ein komplettes Fahrzeug, das sich nur durch das Logo und/oder wenige verschiedene Anbauteile den beteiligten Herstellern zuordnen lässt. Es gibt aber auch pfiffige Alternativen. Beispiel Ford Ka: Er nutzt die technische Plattform des Fiat 500 samt Motoren und Getriebe und rollt mit ihm gemeinsam in Polen vom Band. Optisch gibt es jedoch keine Gemeinsamkeiten mit dem italienischen Kultmini – der Ka hüllt sich in fordtypisches Kinetic-Design.

Sparsam nur im Verbrauch

Formale Eigenständigkeit beweist auch der Kia Picanto, der mit dem Modellwechsel zu den Charakterdarstellern unter den Kleinwagen wechseln will. Dafür erhielt er von den Designern um Chef Peter Schreyerein völlig neues Kleid mit kräftigen seitlichen Lichtkanten und einer selbstbewusst dreinblickenden Frontpartie, die klar signalisiert: Der gewachsene Kleine will erwachsen und nicht putzig sein. Damit nicht genug. Auch technisch legt sich der Picanto ins Zeug, trägt unter der kurzen Haube einen neu entwickelten Dreizylinder mit vollvariabler Ventilsteuerung, der aus einem Liter Hubraum 69 PS entwickelt und im Normzyklus nur 99 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer emittieren soll.

Sparsam ja, aber Sparbrötchen? Eher nicht, ein wenig Luxus und Komfort muss schon sein, zumindest optional. Deshalb reicht das Ausstattungsangebot vom supergünstigen Basis-Attract mit zwei Türen ab 8 990 Euro bis zum viertürigen Spirit für 12 390 Euro, bei dem neben CD-Radio, USB-Anschluss, Alurädern und Klimaanlage auch die Sicherheitsausstattung mit zusätzlichem Knieairbag für den Fahrer und ESP (sonst Aufpreis) keine Wünsche offen lässt. Sitzheizung, Klimaautomatik und Nebelscheinwerfer sind in einem Paket (760 Euro) mit Start-Stopp-Automatik zusammengefasst, die jedoch den CO2-Ausstoß nicht weiter senkt, sondern nur den geringfügigen Mehrverbrauch der breiteren Spirit-Bereifung (15 Zoll) egalisiert.

Wer bei mehr als 13 000 Euro für einen 3,60-Meter-Mini ins Grübeln kommt, wird beim Blick in die Preisliste des Ford eines Besseren belehrt. Die Tarife des ebenfalls 69 PS starken Ka beginnen bei 9 700 (Ambiente) und reichen bis 12 700 Euro (Titanium), wobei selbst in der Topversion ESP (360 Euro) und Kopfairbags (260 Euro) noch extra bezahlt werden müssen. Bei vergleichbarer Ausstattung kostet der nur zweitürig angebotene Ka über 1 000 Euro mehr als ein viertüriger Picanto. Die 400 Euro Aufpreis für die zusätzlichen Fondtüren sind beim Kia gut angelegtes Geld. Schließlich bietet er Erwachsenen auch auf den Rücksitzen bequem Platz. Zudem können Kindersitze leichter montiert oder der bei vorgeklappter Rückbank erweiterte Laderaum einfacher beladen werden. Bei größeren Einkäufen ist das unumgänglich, dennIm Normalfall fasst das schmale Gepäckfach nur 200 Liter.

In das kugelige Ka-Heck passen immerhin zehn Prozent mehr, während man den engen und mühsam zugänglichen Fond großen Mitfahrern nicht zumuten mag. Auf den straff gepolsterten Vordersitzen schränkt lediglich die breite Mittelkonsole mit erhöht angebrachtem Schaltknüppel die Bewegungsfreiheit etwas ein. Wer das freche, im Interieur großflächig verteilte quietschgrüne Dekor des Individual-Pakets „Digital“ wie im Testwagen nicht mag, kann sich die 750 Euro Aufpreis (inklusive 16-Zoll-Aluräder) einfach sparen. Die hinteren Parkpiepser sind wegen der für einen Stadtflitzer sehr unübersichtlichen Heckpartie jedoch nahezu unverzichtbar, kosten allerdings 355 Euro Aufpreis.

Am Handling des kleinen Ford gibt es dagegen wenig auszusetzen. Die servounterstützte Lenkung arbeitet leichtgängig und liefert genügend Rückmeldung, um den Ka zielgenau durch die Großstadt oder über kurvige Landstraßen zu zirkeln. Trotz breiter Optionsbereifung (195/45 R16), auf der der Ka fast wie auf Schienen um die Ecke biegt, informiert der Mini-Ford seine Insassen nicht über jedes Loch in der Straße, ist aber weit davon entfernt, sie in Watte zu packen.

Beim Fahrwerk fast gleichauf

Der von Fiat stammende 1,2-Liter-Vierzylinder mit 69 PS entwickelt ausreichendes Temperament und fühlt sich im direkten Vergleich zum Picanto spürbar elastischer an. Das macht sich auch im Verbrauch bemerkbar. Ebenfalls mit Start-Stopp-Technik ausgerüstet, konsumiert der Ka im Normzyklus mehr als der Picanto (4,9 zu 4,3 L/100 km). In der Praxis bewegen sich beide jedoch auf gleichem, deutlich höherem Niveau, sofern sie nicht bewusst sparsam gefahren werden. Mit stolzen 6,8 Litern im Test braucht der Kia nur 0,1 Liter weniger als der Ford – der sonor brummende Picanto-Dreizylinder ist auf höhere Drehzahlen und häufigere Gangwechsel angewiesen, die mit der leicht und exakt zu bedienenden Fünfgangschaltung aber keine Mühe bereiten. Für die meisten Alltagssituationen eines Kleinwagens reicht auch die Dynamik des Kia völlig aus.

Fahrwerk und Handling haben mittlerweile einen Reifegrad erreicht, der sich häufig nur in Nuancen von dem des Ka unterscheidet. So spricht die Lenkung des Picanto aus der Mittellage etwas steifer an, im Extremfall schiebt der Kia in Kurven früher über die Vorderräder. Rillen und Fugen dringen deutlicher zu den Passagieren durch, gröbere Stöße werden von der Federung etwas unwilliger und mit größeren Hubbewegungen verdaut. Doch wenn es etwas gibt, das Kia baldmöglichst nachbessern sollte, dann sind es die Bremsen: Ob leer (41,6 Meter) oder beladen (42,8 Meter) – über 40 Meter Bremsweg sind auch im Segment der Kleinsten nicht mehr zeitgemäß. Der Ka, obwohl in dieser Disziplin kein Überflieger, kommt mindestens eine knappe Wagenlänge früher zum Stehen. Immerhin fällt die passive Sicherheitsausstattung beim Picanto Spirit mit Front-, Seiten- und Kopfairbags plus zusätzlichem Knieairbag für den Fahrer besonders umfangreich aus.

In der Summe der Eigenschaften sammelt der Ka trotz mancher Schwächen mehr Punkte als der Kia. Doch gerade bei Kleinwagen spielen die Kosten oft eine kaufentscheidende Rolle. Günstigere Fixkosten dank niedrigerer Haftpflicht- und Vollkaskoeinstufungen, mehr Ausstattung fürs Geld und sieben statt der üblichen zwei Jahre Garantie sind starke Argumente für den Picanto, mit denen er den Ka in der Endabrechnung überholt.