Samstag, 13. August 2011
(Sächsische Zeitung)

Zellen-Genosse

Von Michael von Maydell

Elektro-Auto. Mercedes lässt 500 A-Klasse-Wagen mit Strom fahren. Sie können allerdings nur gemietet werden.

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Ausgereift: Die schweren Batterien sitzen crashsicher unten im doppelten Boden und schränken das Platzangebot nicht ein. E-Motor und Ladeelektronik sind im Motorraum untergebracht. Hinten rechts unter dem Tankdeckel dockt der Ladestecker an. Fotos: PR

Lange hat es gedauert. Nun, zum Ende der Produktionszeit, ist es endlich so weit: Mercedes hat 500 A-Klasse E-Cell in einer Kleinserie aufgelegt und vermietet die Fahrzeuge an Kunden in Europa. Gut verpackt lagern unter der Fahrgastzelle des auffällig beklebten Kompaktmodells nun also zwei Lithium-Ionen-Akkus, die zusammen einen Energieinhalt von 36 Kilowattstunden (kWh) aufweisen. Da sich Akkus konzeptbedingt gerne stark erwärmen, sorgt eine speziell entwickelte Flüssigkühlung aus Wasser und Glykol rund um die teuren Energiespeicher für ein möglichst niedriges Temperaturfenster. Denn je stabiler die Betriebstemperatur, umso langlebiger sind die Akkuzellen. Damit nicht genug – auch der 50 Kilowatt starke Elektromotor sowie die Ladesysteme, die über der Vorderachse sitzen, bedürfen eines eigenen Kühlkreislaufs. Und da die Abwärme der Motorkühlflüssigkeit fehlt, heizt die A-Klasse den Innenraum mit umgewandeltem Strom aus dem Hochvoltsystem.

Energie sammeln beim Rollen Von all der Aufregung bleiben Fahrer und Insassen verschont. E-Cell-Fahren hat vielmehr etwas Entspannendes. Denn wer den Schlüssel im Zündschloss wie gewohnt herumdreht, hört lediglich ein leises Klacken und Surren – das war’s. Kein Diesel grummelt, kein Auspuff rumort. Ein Display verkündet den Status „ready“. Also Automatikwählhebel auf D, und los geht’s. Leise und unauffällig, aber dank einem Drehmoment von 290 Newtonmetern mit überraschender Rasanz, stromert die A-Klasse vom Start weg völlig ruckfrei los und lässt an der Ampel so manchen knurrigen Diesel stehen. Der E-Motor entwickelt kurzzeitig eine Spitzenleistung von 95 PS und beschleunigt die 1 591 Kilogramm schwere A-Klasse in 11,8 Sekunden von Null auf Tempo 100. Die mögliche Dauerleistung beträgt 50 kW. Bei leicht erreichbaren 150 km/h bremst die Elektronik dann den E-Schub ein. Zum Vergleich: Ein A 160 mit 95 PS ist mit 12,9 Sekunden (laut Werk) deutlich langsamer. Zu hören sind in der 421 Kilogramm schwereren Elektrovariante nur die Reifen und Windgeräusche. Ansonsten fährt sich der E-Cell so bequem und sicher wie jede andere A-Klasse.

Reichweite 207 Kilometer

Komfortabel abgestimmt und mit hinreichend präziser Lenkung, lässt sich der Viertürer völlig problemlos bewegen. Sobald der Fahrer vom Fahrpedal geht, sammelt der E-Motor fleißig Bewegungsenergie ein. Was bleibt, ist die konsequente Überwachung des eigenen Fahrverhaltens mittels des Energiezeigers im Kombiinstrument. Er ersetzt den gewohnten Drehzahlmesser und informiert über die aktuell abgerufene Leistung. Steht die Nadel im grünen Bereich, rekuperiert der Motor. Wandert sie in den roten, nutzt die A-Klasse den Boost-Faktor mehr und mehr aus und verbraucht entsprechend viel Energie. Ein klassischer Bordcomputer informiert zusätzlich über Reisedaten, Verbrauch, Reichweite sowie die noch vorhandene Energiemenge. Und auch an Ausstattung mangelt es dem Mercedes nicht. Neben der Avantgarde-Linie sind selbst Bi-Xenonscheinwerfer, Klimaautomatik, Einparkassistent und Navi mit an Bord. Und da die Elektro-A-Klasse auf der fünfsitzigen Limousine aufbaut und ihre Energie im doppelten Unterboden transportiert, profitieren die Insassen von einem uneingeschränkten Platzangebot. 435 bis 1 370 Liter Ladevolumen machen selbst größere Einkaufstouren möglich. Und längere. Wie der Reichweiten-Test – der mit dem TÜV Süd in Heimsheim durchgeführt wurde – beweist, sind die von Mercedes versprochenen 200 Kilometer Reichweite absolut realistisch. Im speziell entwickelten TÜV- Süd-E-Car-Cycle (TSECC) fuhr die A-Klasse auf dem Rollenprüfstand bei 23 Grad satte 232 Kilometer.

Auf einer realen Verbrauchsfahrt durch Stuttgart inklusive energiezehrender Bergaufpassagen kam das E-Auto 207 Kilometer weit. Im Schnitt benötigte die A-Klasse hier 19 kWh für 100 Kilometer. Bei 20 Cent je kWh macht das günstige 3,81 Euro – wohlgemerkt bei hohen Mietkosten, die bei 900 Euro im Monat liegen. Ein benzinbetriebener A 160 kostet 9,36 Euro auf 100 Kilometer – geht man von einem Verbrauch von sechs Litern und einem Preis von 1,56 Euro aus.

Schnellladung in drei Stunden

Der winterlichen Batterieprobleme kann sich aber selbst ein so gut abgestimmter E-Cell nicht erwehren, bei niedrigen Temperaturen wird das Elektrolyt eben zähflüssiger. Dies zeigt auch der ausgeführte TSECC-Test bei –7°C, bei dem sich die Reichweite auf 152 Kilometer verringerte. Das ist ein Verlust von 35 Prozent – den die meisten verschmerzen dürften, da der Durchschnittspendler am Tag sowieso keine längere Strecke zurücklegt. Wer die Reichweite der A-Klasse mutig ausreizt, wird rechtzeitig über die Grenzen des Systems informiert. Bei zwölf Prozent Ladezustand (Reichweite 31 Kilometer) erscheint im Infodisplay die erste Warnung. Zurück in der Garage, heißt es dann: Ladekabel aus dem praktischen Staufach holen und ran an die Steckdose. Einmal eingesteckt, verhindert eine Wegfahrsperre ein ungewolltes Losrollen, und ein Controller wacht über das Hochvoltsystem. Am herkömmlichen 230-Volt-Netz muss die A-Klasse rund 14 Stunden tanken, um wieder voll zu sein. Es geht aber auch schneller: Mittels einer 400-Volt-Drehstrom-Ladestation lassen sich die Batterien innerhalb von drei Stunden zu 80 Prozent aufladen.

Wichtiges Kriterium hier: die Erfassung des Ladeverlusts. Der fällt bei der A-Klasse erfreulich niedrig aus. Um den 36 kWh großen Stromspeicher wieder aufzufüllen, waren lediglich 39,42 kWh notwendig – ein Verlust von 9,5 Prozent. Kleiner Trost: Einmal am Stromkabel, lässt sich der Ladezustand und die mögliche Reichweite auch via Smartphone überwachen. Wer mag, kann zudem die A-Klasse so programmieren, dass sie sich nur zu bestimmten (günstigeren) Zeiten auflädt und vor dem morgendlichen Start schon mal abkühlt oder aufheizt. Den hierfür benötigten Strom zieht sich der Mercedes dann nicht aus den Akkus, sondern aus dem städtischen Stromnetz. Bei aller Freude am günstigen Vortrieb fehlt noch ein Blick auf die Umweltbilanz der A-Klasse. Solange kein rein regenerativer Strom getankt wird, emittiert auch dieses E-Auto Kohlendioxid. Legt man den aktuellen EU-Strommix zugrunde, sind es immerhin 107 Gramm pro Kilometer. Richtig grün sollte sich also nur der fühlen, der auch sauberen Strom gebucht hat.

Fazit
Mit einer Reichweite von über 200 Kilometern und einem sehr niedrigen Ladeverlust liefert die A-Klasse mit Elektromotor ein super Ergebnis ab. Und das, ohne dabei an Alltagstauglichkeit oder Platz zu verlieren. Respekt.