Samstag, 23. April 2011
(Sächsische Zeitung)

Ente, Käfer, Badewanne

Von Stefan Weißenborn

Autospitznamen sind aus der Mode gekommen. Die Formen bremsen die Kreativität.

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Eine Ente: Offiziell trug der Citroën-Klassiker die Modellbezeichnung 2CV. Foto: dpa

Die Automobilgeschichte hat viele urige Protagonisten: Da gab es das Eisenschwein, die Knutschkugel, das Kommissbrot, die Badewanne oder den Barockengel. Diese Spitznamen formulierte der Volksmund für die Autos der ukrainischen Marke Saporoshez und die Modelle BMW Isetta, Hanomag 2/10 PS, Ford Taunus 17M und BMW 501. Unvergessen auch der Hausfrauenporsche (Karmann Ghia), der Schneewittchensarg (Volvo P1800 ES) und die Ente (Citroën 2CV). Doch die Zeit der Kosenamen fürs rollende Blech halten Experten für weitgehend abgeschlossen. „Es gibt kaum noch Spitznamen, da sich die meisten Autos von heute der Stromlinienform unterwerfen“, sagt Markus Lindla von der Namensagentur Nambos. „Auf den ersten Blick lässt sich mancher Toyota kaum noch von einem Lexus oder der 5er BMW von einem beliebigen anderen Mittelklassewagen unterscheiden.“ Demnach ist es mangelnde Charakteristik der Fahrzeuge, die Kosenamen für Autos rar werden lässt.

Einst, als es eine noch nicht so unübersichtliche Modellvielfalt gab, war der Volksmund ein plappernder Erfindergeist. Zum Beispiel zu Zeiten des VW 1200, den es über Jahrzehnte im nahezu nicht umgeschneiderten Blechkleid unter anderem auch als VW 1300, VW 1500 oder VW 1303 gab. „Ob es ein amerikanischer Importeur war, der diesen Wagen als allererster Beetle nannte? Kann schon sein“, mutmaßt Bernhard Kittler von VW.

Ein Auto, dem ein Spitzname verpasst wird, muss die Menschen reizen – entweder optisch, durch die verbauten Materialien oder einfach durch bescheidene Verhältniss im Innenraum, wie bei der Isetta von BMW (1955 bis 1962). Der Zweisitzer mit der großen Fronttür erhielt wegen der nahezu ballförmigen Karosserie gleich zwei Beinamen: rollendes Ei und Knutschkugel. Letzteren wegen des notgedrungen kuscheligen Zusammensitzens im Innern. Haifischmaul hieß der Opel Olympia Rekord wegen seines ovalen Kühlergrills. Er sah aus, als wolle er gleich zubeißen, so Lindla. Bernd Samland kennt einen weiteren Anreiz für die Spitznamen von damals: „Vor allem die bekamen einen, die keinen richtigen Namen hatten“, sagt der Leiter der Kölner Agentur Endmark. Das Model T von Ford wurde zur Tin Lizzy (Blechliesel), der T1 zum Bulli.

Auch Spötter förderten den Absatz

Egal ob die Namen liebevoll gemeint waren oder despektierlich, verkaufsfördernd waren sie nach Einschätzung der Experten allemal. Nur die Hersteller erkannten dies nicht immer: „Den Namen Käfer hat man bei Volkswagen gemieden wie der Teufel das Weihwasser“, sagt VW-Historiker Kittler. Später besann man sich und griff zumindest zur englischen Bezeichnung, als 1997 der New Beetle vorgestellt wurde. Auch der spöttische Name Erdbeerkörbchen habe der Popularität des Golf Cabrio keinen Abbruch getan, so Kittler. Gleiches dürfte für das Hängebauchschwein von BMW gelten, so BMW-Sprecher Friedbert Holz. Die Bezeichnung für den 1er findet er „wenig schmeichelhaft“, doch ebenso wenig imageschädigend. Die Bezeichnung erhielt der kleine Münchener wegen seiner gewölbten Falte im Blech über den Seitenschwellern.

Eher ein Ladenhüter hierzulande war der Fiat Multipla: Der Wagen wurde auch schon Fiat Ugly genannt, wahrscheinlich weil er vielen wohl tatsächlich zu hässlich war. „Designunfall“, nennt Bernd Samland den Wagen mit der eigenartig gestalteten Front. Doch gerade solche Autos sind es, die aus dem Einheitsbrei herausragen und auch heute noch zu Beinamen animieren. „Spitznamen verleihen einem Auto Persönlichkeit, in Zeiten, wo Autos immer verwechselbarer werden“, meint Kittler. Doch wahre Charakterköpfe sind Mangelware.

Dass Spitznamen wohl nie ganz aussterben und auch manchmal Autos gewidmet werden, die noch nicht im Verkauf sind, zeigt der für 2013 geplante Porsche Cajun: Baby-Cayenne wird er schon genannt, denn er sieht aus wie der kleine Bruder vom großen SUV Cayenne. Mit Sicherheit wird 2011 noch ein neuer Käfer auf die Bühne krabbeln. Nur, dass er auf den Namenszusatz des alten Neuen verzichtet. VW-Historiker Kittler: „Er wird nicht mehr New Beetle, sondern nur noch Beetle heißen.“ Seine offizielle Modellbezeichnung ist bislang die einzige in der Geschichte des Automobils, die sich ein Hersteller vom Volksmund abgeschaut hat. (dpa)